Adipositas - Interdisziplinäre Behandlung und psychosomatische Perspektive

Adipositas - Interdisziplinäre Behandlung und psychosomatische Perspektive

 

 

 

von: Isa Sammet, Gerhard Dammann, Peter Wiesli, Markus Müller

Kohlhammer Verlag, 2016

ISBN: 9783170284876

Sprache: Deutsch

165 Seiten, Download: 3652 KB

 
Format:  EPUB, PDF, auch als Online-Lesen

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Adipositas - Interdisziplinäre Behandlung und psychosomatische Perspektive



1         Begriffsbestimmung und gesellschaftliche Aspekte der Adipositas


Isa Sammet


 

Übergewicht und Adipositas haben weltweit eine hohe Prävalenz. Die vielfältigen negativen Auswirkungen auf die Gesundheit der Bevölkerung sind allgemein bekannt. Insbesondere Herz-Kreislauferkrankungen, Krebserkrankungen und Schmerzstörungen, aber auch viele andere Erkrankungen treten bei Adipösen gehäuft auf. Diese Folgeerkrankungen schränken die Befindlichkeit der Betroffenen in körperlicher und psychischer Hinsicht oft erheblich ein.

Adipositas wird heute ätiologisch als Ergebnis der Interaktion von genetischer Prädisposition und Umweltfaktoren verstanden. Der genetische Einfluss ist gemäß den Erkenntnissen aus Zwillingsstudien relativ hoch. Er liegt bei ca. 65–70 % (z. B. Stunkard et al. 1990). Aber es sind dennoch Umweltfaktoren, die bestimmen, ob sich eine Adipositas entwickelt oder nicht. Denn es ist die langfristige Energiebilanz, also die Differenz zwischen Energieaufnahme und Energieverbrauch, die über das Auftreten einer Adipositas entscheidet. Auch wenn neue Erkenntnisse der Molekularbiologie auf eine stärkere genetische Kontrolle des Essverhaltens und des Körpergewichts hinweisen, ist ein großer Teil der Varianz des Körpergewichts in der Bevölkerung auf Faktoren wie Ernährung und körperliche Bewegung zurückzuführen. Dies zeigt sich schon daran, dass in Zeiten der begrenzten Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln, etwa in Kriegszeiten, Adipositas in vergleichsweise sehr viel geringerem Maße auftritt. Der Einfluss von Verhaltensfaktoren wird daran deutlich. Stehen Nahrungsmittel vermehrt zur Verfügung, werden sie von vielen Menschen auch vermehrt konsumiert. Verhaltensfaktoren sind aber nicht nur auf Basis der individuellen Lerngeschichte, sondern immer auch im Kontext soziokultureller Rahmenbedingungen zu interpretieren.

Die gesellschaftlichen und kulturellen Rahmenbedingungen spielen bei der Entstehung der Adipositas eine maßgebliche, ursächliche Rolle. Themen wie Überfluss- und Genussgesellschaft und allgemeiner Bewegungsmangel werden in diesem Zusammenhang medial breit diskutiert. Adipositas stellt wegen der hohen Behandlungs- und Folgekosten außerdem ein volkswirtschaftliches Problem dar. Die Gesellschaft muss sich der Frage stellen, wie und auf wen diese Kosten verteilt werden sollen. Soll die Allgemeinheit für die Kosten aufkommen? Bei der Diskussion um diese Frage spielen neben der ökonomischen Situation der Kostenträger naturwissenschaftlich-biologische Erkenntnisse über die Ätiologie der Adipositas, Krankheitsmodelle, aber vor allem auch Menschenbilder hinsichtlich der Eigenverantwortlichkeit für die Kontrolle des Gewichts und Normvorstellungen über den »gesunden Körper« eine zentrale Rolle. Auch die gegenläufigen Interessen der Nahrungsmittelindustrie zur Proftitoptimierung müssten in den Diskurs einbezogen werden. Mehr als viele andere Erkrankungen haben die Folgeerkrankungen der Adipositas damit eine gesellschaftliche Dimension. Der ausschließliche Blick auf einzeltherapeutische Behandlungskonzepte und -bemühungen wird dem Phänomen deswegen nicht gerecht. Am Anfang eines Bandes, der sich ansonsten mit ausgewählten Facetten der biologischen und psychischen Genese der Störung sowie ihren indiviuumzentrierten Behandlungsmöglichkeiten beschäftigt, wird deswegen der Scheinwerfer kurz auf gesellschaftliche Aspekte gerichtet. In diesem Rahmen können nur einige wenige Punkte der sehr komplexen Thematik im Sinne der Aufmerksamkeitslenkung aufgegriffen werden. Eine detaillierte und differenzierte, sozialwissenschaftliche Darstellung findet sich beispielsweise bei Schmidt-Semisch und Schorb (2008), Schorb (2014) oder Craig (2010).

Zunächst erfolgt eine Bestimmung der Begriffe des Übergewichts und der Adipositas. Es folgen epidemiologische Daten sowie einige ausgewählte Aspekte der gesellschaftlichen Perspektive.

1.1        Definition der Begriffe Adipositas und Übergewicht


Übergewicht und Adipositas werden durch die Weltgesundheitsorganisation WHO anhand des Body-Mass-Index (BMI)definiert. Zur Berechnung des BMI wird das Körpergewicht in Kilogramm durch das Quadrat der Körpergröße in Metern geteilt. Beispielsweise errechnet sich der BMI für eine Person, die 1,80 m groß und 130 kg schwer ist, folgendermaßen: BMI = 130 kg/(1,80 m)2 = 40,1 kg/m2.

Menschen mit einem BMI zwischen 25 und 29,9 kg/m2 werden als »übergewichtig« oder »präadipös«eingestuft, Menschen mit einem BMI über 30 kg/m2 als »adipös«. Die Adipositas wird in Grade eingeteilt: Grad I bis BMI 30,0 bis 34,9 kg/m2; Grad II 35 bis 39,9 kg/m2; Grad III über 40 kg/m2.

Die Berechnung des BMI ist wegen der Quadrierung der Körpergröße anwenderfeindlich und sollte deswegen aus Sicht der Autorin reformiert werden. Mathematisch gesehen ist die Quadrierung der Körpergröße überflüssig, denn die interessierende Relation zwischen Größe und Gewicht wird durch die mathematische Operation prinzipiell nicht verändert. Grundsätzlich sind Gewicht und Größe einfach und reliabel zu erhebende Merkmale, weswegen sich der BMI als Kriterium zur Definition von Adipositas weithin durchgesetzt hat. Er korreliert zumindest auf der Ebene größerer Kollektive gut mit der Körperfettmasse. Vermutlich deswegen wird der BMI in den meisten Studien über den Zusammenhang zwischen Adipositas und Lebenserwartung oder Krankheitsrisiko als Definitionskriterium für Adipositas verwendet. Der BMI berücksichtigt allerdings die Körperfettverteilung nicht und kann so auf der Ebene des einzelnen Patienten das Risiko für assoziierte Erkrankungen nicht sehr valide erfassen (Shah und Braverman 2012). Denn pathogenetisch ist die viszerale Fettverteilung relevanter, die mit dem BMI nicht erfasst wird. Diese hat eine relativ enge Beziehung zu Adipositas-assoziierten Krankheiten (Wirth und Hauner 2012). In einer Studie, in der das viszerale Fett computertomografisch erfasst wurde, zeigte sich das viszerale Fett als bedeutsamer Prädikator der Mortalität (Kuk et al. 2006).

Die viszerale Fettverteilung wird besser mit der »Waist to Hip Ratio«WHR erfasst. Hierfür wird der Taillenumfang durch den Hüftumfang dividiert. (Beispiel: Taillen-/Hüftumfang=95 cm/110 cm=0,9). Bei Frauen werden Werte über 0,85, bei Männern über 1,0 als Adipositas interpretiert. Es gibt viel genauere anthropometrische Methoden, die aber aufwändig sind und bestimmten wissenschaftlichen Fragestellungen vorbehalten sein werden, z. B. die bioelektrische Impedanzanalyse, die es erlaubt, über die Messung des elektrischen Wechselstromwiderstands fettfreie Masse und Fettmasse zu unterscheiden (Zusammenfassung der Diagnostik bei Wirth 2008).

1.2        Epidemiologie und Gesundheitskosten


Die Global Burden of Disease Study 2013 (Ng M et al. 2014) basiert auf einer Meta-Analyse von 1769 Veröffentlichungen und gibt einen umfassenden Überblick über die weltweiten Prävalenzraten von Übergewicht und Adipositas. Danach sind weltweit 36,9 % der erwachsenen Männer und 38,1 % der erwachsenen Frauen übergewichtig oder adipös. 1980 betrug der Anteil bei den Männern noch 28,8 % und bei den Frauen noch 29,8 %, womit ein deutlicher Anstieg zu verzeichnen ist. Die aktuelle Analyse zeigt auch, dass Kinder stark von Übergewicht und Adipositas betroffen sind, ca. 23 % in den Industrienationen und 8 % in den Entwicklungsländern. Die Prävalenzraten, die für den deutschsprachigen Raum berichtet werden, sind in Tabelle 1.1 dargestellt.

) Adipositas (BMI größer 30 kg/m 2) Übergewicht (BMI größer 25 kg/m 2) Adipositas (BMI größer 30 kg/m 2)

Tab. 1.1: Prävalenz (in %) von Übergewicht und Adipositas in Deutschland, Schweiz und Österreich bei Frauen und Männern über 20 Jahren (Ng et al. 2014)

Nach wie vor sind Männer und Frauen mit geringerem sozioökonomischem Status häufiger von Adipositas betroffen (Mensink et al. 2013).

Für das Jahr 2010 wurde geschätzt, dass Übergewicht und Adipositas weltweit 4 Millionen Tote fordern. Adipositas führt zu einer Reduktion der Lebenszeit um insgesamt 4 %. Außerdem erhöht sie die Anzahl an Lebensjahren mit körperlicher Beeinträchtigung um ebenfalls 4 % (Ng et al. 2014). Dies kommt daher, dass Adipositas eine Hauptursache für die Zunahme chronischer Krankheiten in der westlichen Bevölkerung ist. Die anerkannten Komplikationen und Folgeerkrankungen werden...

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