Berührungen und Beziehungen bei Menschen mit Demenz - Ein person-zentrierter Zugang zu Berührung, Beziehung, Berührtsein und Demenz

Berührungen und Beziehungen bei Menschen mit Demenz - Ein person-zentrierter Zugang zu Berührung, Beziehung, Berührtsein und Demenz

 

 

 

von: Luke J. Tanner

Hogrefe Verlag Bern (ehemals Hans Huber), 2018

ISBN: 9783456958552

Sprache: Deutsch

274 Seiten, Download: 4628 KB

 
Format:  PDF, auch als Online-Lesen

geeignet für: Apple iPad, Android Tablet PC's Online-Lesen PC, MAC, Laptop


 

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Berührungen und Beziehungen bei Menschen mit Demenz - Ein person-zentrierter Zugang zu Berührung, Beziehung, Berührtsein und Demenz



Einleitung


Körperkontakt ist Routine in der pflegerischen Arbeit. Je mehr Hilfe eine Person braucht, umso mehr muss sie auf die eine oder andere Art berührt werden. Professionelle Betreuer gehören zu den Menschen, die ihr Leben lang andere Menschen berühren und von diesen berührt werden. Dennoch haben professionelle Betreuer selten Gelegenheit der Frage nachzugehen, welche Bedeutung Berührungen im Rahmen ihrer Arbeit haben oder wie sie sich auf die von ihnen zu betreuenden Menschen auswirken. Infolgedessen führt die Frage, was in puncto Berührungen angemessen ist, häufig zu großer Verwirrung in den professionellen Pflegesettings. Addiert man zu dieser Verwirrung die mit der Berührung verletzlicher Menschen verbundenen Risiken hinzu, gibt es zahlreiche Gründe, die viele Betreuer daran zweifeln lassen, ob die professionelle Pflege der richtige Ort für körperliche Zuneigung ist. Da über Berührungen im Rahmen der professionellen Pflege und Pflegebeziehungen nicht gezielt diskutiert und debattiert wird, werden die Einstellungen gegenüber Berührungen im Bereich der Pflege oft von Gesprächen über Misshandlung, Ausbeutung und Gerichtsverfahren verdrängt.

Obwohl viele Gesundheitsfachleute die Begriffe „emotional distanziert“ und „professioneller Distanz“ ablehnen, haben viele professionelle Betreuer Angst, den Menschen, die sie betreuen, „zu nahe“ zu kommen. Anders ausgedrückt, professionelle Betreuer haben keine Ahnung, wie viel oder wie wenig Abstand sie halten sollten – 100 cm, 50 cm, 25 cm? Natürlich ist es völlig absurd, einen genauen Abstand anzugeben! Denn es ist metaphorisch und nicht wortwörtlich gemeint, wenn wir sagen, dass uns jemand „nahe“ oder „weniger nahe“ steht. Wir meinen also die Qualität der Beziehungen zwischen Menschen und nicht den konkreten Abstand zwischen ihnen. In Pflegesettings, in denen Berührungen tabu sind, hat dies unweigerlich Auswirkungen auf die Beziehungen zwischen den Menschen, die dort leben und denen, die dort arbeiten. Schließlich haben wir die engsten, innigsten und vertrauensvollsten Beziehungen in der Regel zu den Menschen, die wir freundschaftlich berühren: Wir halten beispielsweise ihre Hand, begrüßen sie mit der „high five“, lehnen uns an sie an, umarmen, küssen, streicheln sie oder raufen mit ihnen (ich hatte einen großen Bruder!). In der Tat haben wir die längsten und engsten Beziehungen zu Menschen, die wir auf diese Art und Weise berühren und in der Regel bedeuten uns diese Beziehungen auch am meisten. Es sind Beziehungen, zu denen wir in schwierigen Zeiten Zuflucht nehmen, die uns das Gefühl geben, dazuzugehören, geliebt zu werden und die uns zeigen, wer wir sind. In diesem Buch geht es um solche Beziehungen und um Berührungen. Denn wie wir einander berühren, beeinflusst unweigerlich unsere Beziehung zueinander. Freundschaftliche Berührungen spielen in der Tat eine wichtige Rolle für den Erhalt der Beziehungen, die für unser Wohlbefinden von Belang sind. Finden Berührungen in der Demenzpflege nur im Rahmen von Behandlungen und der Durchführung von Aufgaben statt, werden es Betreuer schwer haben, Beziehungen aufzubauen, die Menschen mit Demenz brauchen, um sich geliebt, sicher und geborgen zu fühlen.

Während meiner Recherche für dieses Buch bin ich Betreuern begegnet, die außergewöhnlich geschickt im Umgang mit Berührungen waren. Sie waren jedoch weder ausgebildete Massagetherapeuten noch wendeten sie komplizierte Techniken an. Wahrscheinlich war ihnen nicht einmal bewusst, wie gut sie es schafften, mit ihren Berührungen auf die elementaren Bedürfnisse der Betroffenen zu reagieren, weil sie einfach intuitiv das Richtige taten. Es wirkte genauso natürlich wie ein Vater, der auf dem Sofa mit seinem Kind kuschelt, wie Kinder, die zusammenspielen, wie Partner, die einander trösten, wie eine Mutter, die ihr Baby beruhigt oder wie Freunde, die einander beglückwünschen. Es waren elementare Fähigkeiten, die sie im Laufe ihres Lebens gelernt hatten. Einer Betreuerin wurde dies bewusst, als sie mir beschrieb, wie sie eine Frau, die Kummer hatte, während eines Besuches in deren Heim in Monmouthshire, Südwales, getröstet hatte. Beim Erzählen ihrer Geschichte musste die Betreuerin plötzlich an eine Situation denken, die sie als Kind erlebte und ihr wurde klar, dass sie sich einfach so verhielt wie ihre Mutter, wenn sie Kummer hatte: „Sie berührte und streichelte mein Haar und ich beruhigte mich schnell und hörte auf zu weinen.“ Diese Betreuerin hatte erkannt, dass sie ihre Fähigkeit, andere zu trösten und zu beruhigen, der Erfahrung verdankte, dass sie selbst getröstet und beruhigt worden war. Dieses natürliche oder intuitive Verhalten kann und sollte seinen Platz in der Praxis der Demenzpflege haben. Die Anbieter von Pflegedienstleistungen werden mit Sicherheit Probleme bekommen, wenn sie speziellen Interventionen, Technologien und professionellen Techniken mehr vertrauen als diesen elementaren menschlichen Verhaltensweisen.

Ziel dieses Buches ist es, das Vertrauen in Berührungen wiederherzustellen und die Hindernisse zu benennen und zu eliminieren, die Menschen davon abhalten, sich anderen gegenüber menschlich zu verhalten. Meine Arbeit als Therapeut, Trainer und Berater hat es mir ermöglicht, viele Betreuer und Pflegeheimmitarbeiter in ganz Irland und dem Vereinigten Königreich auf das Thema Berührungen anzusprechen und darüber zu diskutieren. Dabei bin ich auf Faktoren aufmerksam geworden, die Menschen davon abhalten können, auf hilfreiche Art und Weise mit Menschen in Berührung zu kommen. Diese Faktoren sind:

  • die persönliche Einstellung gegenüber Berührung,
  • feste Überzeugungen in puncto Berührungen in der Pflege,
  • feste Überzeugungen in puncto alte Menschen und Menschen mit Demenz,
  • routineabhängige Pflege und Aufgabenorientiertheit,
  • Furcht vor Missbrauchsanschuldigungen,
  • Bedenken wegen der Meinung anderer Leute,
  • Mobiliar und Gestaltung von Gesellschaftsräumen.

Wahrscheinlich wird es uns nicht gelingen, die Einstellung von Menschen gegenüber Berührungen zu verändern, aber wir können viele andere Dinge verändern, die Teil der Pflegekultur sind. In diesem Buch geht es nicht darum, Menschen empfindsamer zu machen als sie sein wollen, es geht vielmehr darum, ihr Wissen über Berührungen zu erweitern, um zu erreichen, dass die Pflegekultur person-zentrierter wird. Folglich greift das Buch auch Themen auf, die die Bedeutung, die Durchführung und die Auswirkungen von Berührungen im Kontext des normalen Lebens und im Kontext professioneller Demenzpflegesettings betrachten.

Den Lesern wird auffallen, dass das Buch in einem sehr persönlichen Stil geschrieben ist. Es schildert persönliche Wahrnehmungen von Beziehungen, die im Rahmen von und durch verschiedene Kontakte aufgebaut, gepflegt und aufrechterhalten wurden. So begann meine Arbeit über Berührungen. Alles fing an in einem kleinen Pflegeheim in West Sussex und mit dem Kontakt zu Great Aunt Gladys. Als sie die Bedeutung von Worten immer weniger verstand, wurden Berührungen zunehmend wichtiger für sie. Ich lernte nicht nur das Potenzial von Berührungen kennen, sondern auch die negativen Auswirkungen einer funktionalen, aufgabenorientierten Pflegekultur. Bald nach ihrem Tod begann ich meine Arbeit als Massagetherapeut in Pflegeheimen für Menschen mit Demenz. Dabei kam ich in Kontakt mit den Tanten und älteren Verwandten anderer Menschen. In dieser Zeit habe ich sehr viel gelernt und erkannt, dass Berührungen und Körpersprache die therapeutische Beziehung prägen und dass die Pflegekultur Einfluss darauf hat, wie Menschen einander berühren. In einem Pflegeheim wurde eine Handmassage eher akzeptiert als die Massage anderer Körperteile. In einem anderen Pflegeheim wurde die therapeutische Massage akzeptiert, aber Umarmungen waren tabu. Eine Frau, die in diesem Heim lebte, fand dies ziemlich seltsam und sie fragte: „Braucht eine Hand denn wirklich eine Massage?“ Als ich über ihre Frage nachdachte, musste ich zugeben, dass eine Hand, wenn überhaupt, dann nur äußerst selten eine Massage braucht! Was Menschen allerdings manchmal brauchen ist: eine Hand zu halten oder einen anderen Menschen zu halten oder jemandem körperlich nahe zu sein.

Ich hatte auch das Glück, in wirklich vorbildlichen Pflegeheimen zu arbeiten, in denen die Menschen, die dort lebten und diejenigen, die dort arbeiteten, die Möglichkeit und die Freiheit hatten, den ganzen Tag mit anderen auf sinnvolle Art in Kontakt zu treten. In meiner Funktion als Massagetherapeut hatte ich mir vorgenommen, den Menschen jede Woche einige Momente der Sicherheit, des Wohlbefindens und der Verbundenheit zu bereiten. In manchen Pflegekulturen wurde jedoch darauf geachtet, dass es jeden Tag möglichst viele von diesen Momenten gab. Zudem war jeder Mitarbeiter angehalten, solche Momente zu ermöglichen. Durch den Kontakt zu den Menschen, die in diesen Pflegesettings lebten und denen, die dort arbeiteten, lernte ich, wie eine person-zentrierte Pflegekultur aussieht, sich anhört und anfühlt. Ohne diesen Kontakt hätte ich vielleicht nicht geglaubt, dass es möglich ist, einen Ort zu schaffen, an dem Menschen mit Demenz sich sicher, frei und leistungsfähig fühlen. Die Entdeckung dieser besonderen Heime hat mich veranlasst, den Fokus meiner Arbeit zu verändern und anstatt einer Berührungstherapie für Einzelpersonen eine therapeutische Berührungskultur zu entwickeln. Obwohl das Buch die Literatur zum Thema Berührungen einbezieht, beruht es im Wesentlichen darauf, dass ich mir die Zeit genommen habe, Menschen, die im Bereich der Demenzversorgung leben und die, die dort...

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